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Ich erinnere mich nicht

Jedes Jahr feiert Deutschland die Wiedervereinigung und den Mauerfall (lustigerweise in dieser Reihenfolge). Besonders in diesem Jahr wurde zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November medial alles aufgefahren, was irgendwie nur ging. Die Hauptmotive: Ein stotternder Günter Schabowski und glückliche Menschen in Trabbis. Ich sehe das gerne, freue mich und habe doch ein Problem: Ich habe keine Erinnerung daran.

Gut, nun muss man sagen, dass ich am Tag des Mauerfalls exakt 4 Jahre und 323 Tage alt war. Ich erinnere mich zwar an andere, weniger wichtige Dinge aus dieser Zeit, beispielsweise aus dem Kindergarten. Aber wieso denn nicht an den Mauerfall? Das war schließlich ein Ereignis, das sicherlich auch meine Eltern an den Fernseher gefesselt hat.

Günter Schabowskis legendäre Pressekonferenz (übrigens schön in diesem Artikel zusammengefasst) fand um 18:00 Uhr statt. Der berühmte Satz „Das tritt nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich.“ fiel kurz vor 19:00 Uhr. Als das Thema dann durchs Fernsehen ging, werde ich vermutlich schon geschlafen haben.

Aber auch an den folgenden Tag (ein ganz normaler Freitag) habe ich keine Erinnerungen. Keine glücklichen Eltern, keine euphorischen Erzieherinnen im Kindergarten, keine fröhlichen Großeltern – in meiner Erinnerung gibt es den Mauerfall nicht.

Persönliche Erinnerung vs. Erinnerungskultur

Ist es wichtig, sich persönlich an Ereignisse zu erinnern? Muss man eigene Erinnerungen an fröhliche Ereignisse wie den Mauerfall haben, damit man diese feiern kann? Und muss man sich an weniger schöne Dinge (wie zum Beispiel die Reichspogromnacht am 9. November 1938) erinnern, damit man diese Bedenken kann? Muss man etwas bewusst erlebt haben, um sich zu erinnern?

Die Antwort ist einfach: Nein, muss man nicht. Ich bin sehr dankbar, dass ich den Nationalsozialismus nicht erlebt habe. Und ich finde es schade, keine Erinnerungen an die Nacht des Mauerfalls zu haben.

Gerade in Bezug auf die NS-Zeit wird häufig der Begriff „Erinnerungskultur“ verwendet. Deutsche haben in der Vergangenheit Dinge getan, die andere grausame Ereignisse der Weltgeschichte wie einen missglückten Kindergeburtstag aussehen lassen. Ich war daran nicht beteiligt, aber ich bin mit dafür verantwortlich, dass sich so etwas nie wiederholt. Dazu muss ich mich und andere daran erinnern.

Gleiches gilt auch für deutlich schönere Ereignisse, wie zum Beispiel den Mauerfall. Ich muss nicht dabei gewesen sein und darf mich trotzdem freuen. Es reicht häufig aus, Bilder zu sehen und Erzählungen zu lauschen. Das speichern wir in unserem Gedächtnis ab und können uns somit erinnern. Wir können diese Erinnerung dann weitergeben, damit auch nachfolgende Generationen daraus lernen können.

Erfahrungen, Erinnerungen, Ereignisse

Jede Kultur basiert auf dieser Weitergabe von Erfahrungen und Erinnerungen. Dabei ist es egal, ob es um Anbautechniken von Getreide, astronomischen Kenntnisse oder eben besondere Ereignis geht. Aus letzteren entstehen häufig Nationalfeiertage, welche der Erinnerung dienen sollen. In Deutschland ist das der 3. Oktober (Tag der Deutschen Einheit), in Frankreich der 14. Juli (Sturm auf die Bastille) und in den USA der 4. Juli (Unabhängigkeitstag). Kein lebender Franzose oder US-Amerikaner hat persönliche Erinnerungen an die jeweiligen Anlässe und trotzdem wird gefeiert.

Der Anlass in Deutschland ist noch vergleichsweise jung. Das ist vielleicht ein Grund, weshalb der Eindruck entstehen kann, alle würden sich genau an diesen Tag erinnern. Nahezu alle, die ab Mitte der 80er geboren wurden, aber eben vermutlich nicht. Sie waren zu jung oder noch gar nicht geboren. Ich dürfte mit meinem Gefühl also nicht alleine sein.

Ja, man darf es schade finden, sich an ein bedeutendes, positives Ereignisses der Welt-Geschichte nicht zu erinnern. Trotzdem darf man sich aber über das Ereignis freuen und die Erinnerung daran wachhalten. Und das mache ich gerne.

Veröffentlicht in Steinschlag

Titelbild: © Photoholiday / Pixabay.com

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