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Wer braucht schon Europa?

In den meisten Artikeln in diesem Blog geht es um irgendwelchen Nonsens. Oder um Dinge, die ich erlebt habe. Und ganz, ganz selten mal um irgendetwas kritisches aus unserer Gesellschaft. Dabei habe ich mich immer als politisch interessierten Menschen gesehen, es ist aber nun einmal nicht mein Anliegen, mit diesem Blog irgendjemandem meine persönliche politische Meinung auf die Nase zu binden. Heute ist das aber ein wenig anders.

Denn heute (bzw. gestern) haben die Briten „Wer braucht schon Europa?“ gesagt und der Europäischen Gemeinschaft den Mittelfinger gezeigt. Ich weiß, dass das nur etwas mehr als die Hälfte der Briten gesagt hat, aber so ist das nun einmal in Demokratien: Die Mehrheit entscheidet und alle müssen zwangsläufig das Ergebnis mit tragen und sich gefallen lassen, dass Außenstehende das dann verallgemeinern.

Europa ist seit dem (vor allem für uns Deutsche) unrühmlichen letzten großen Versuch, nationale Interessen innerhalb des Kontinents mit purer Gewalt durchzudrücken, eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Die letzten Generationen durften ohne Angst vor Fliegeralarm, Hunger oder Obdachlosigkeit aufwachsen. Wir mussten uns keine Gedanken über Geld machen – selbst wenn es wenig war, hatten wir zumindest so viel, dass wir leben konnten.

Die Idee, ein geeintes Europa entstehen zu lassen, in dem nationale Interessen hinter diversen Freiheitsrechten zurück gestellt werden, dabei das nationale Bewusstsein der einzelnen Staaten zu erhalten und so ein friedliches Miteinander zu schaffen, war und ist bis heute eine der genialsten politischen Maßnahmen der Menschheitsgeschichte. Das Recht, sich seinen Wohnort innerhalb Europas frei auszusuchen, dort zu arbeiten, wo man gerade möchte, überall ohne großartige Passkontrollen hinreisen zu dürfen, freien Handel ohne großartige Aufwand betreiben zu können – all das kennt meine Generation gar nicht anders. Wir sind damit aufgewachsen und haben das als Selbstverständlichkeit akzeptiert.

Bei den Attentaten in Paris und Brüssel wurde deutlich, dass auch Kriminelle diese Freiheiten nutzen können. Und auch der Strom der Flüchtlinge, die Europa als paradiesisches Ziel ihrer Träume sehen, hat einige Schwächen der europäischen Idee aufgezeigt. Aber das hat niemanden in Europa auf die Idee gebracht, all diese Errungenschaften deshalb sofort über Bord zu werfen. Es muss darauf reagiert werden, um vorhandene Regelungen anzupassen oder zu ergänzen, aber nur so, dass Europa so frei und flexibel bleibt, wie es sein möchte.

Auch ich habe die EU und ihren Bürokratismus schon immer ein wenig seltsam gefunden und das teilweise kritisch aus meinem heimeligen Deutschland heraus beobachtet. In erster Linie habe ich mich als Deutscher gesehen, erst an zweiter Stelle als Europäer. Dies hat sich in den letzten Monaten, spätestens aber nach dieser (aus meiner Sicht) überaus dummen Entscheidung der Briten, die Europäische Union verlassen zu wollen, geändert: Ich bin eindeutig ein Europäer, der seine deutsche Heimat liebt und – natürlich – auch ein großer Lokalpatriot ist. Und als solch ein Europäer kann ich heute nur traurig den Kopf schütteln. Vermutlich wird man erst in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren einigermaßen neutral auf dieses Ereignis zurück blicken können, um die mittel- und langfristigen Folgen dieser britischen Entscheidung in den richtigen Kontext zu setzen und die nötigen Schlüsse daraus zu ziehen. Heute ist das noch überhaupt nicht möglich.

Wie war das doch gleich in Demokratien? Die Mehrheit entscheidet und der Rest muss damit leben? Genau das gilt auch für Europa. Die britische Entscheidung muss man akzeptieren. Verstehen muss man sie aber nicht.

Veröffentlicht in Steinschlag

Titelbild: © Elionas2 / Pixabay.com

Ein Kommentar

  1. Peter Peter

    hervorragend geschrieben, sehr lesenswert!!

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