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Rotkäppchen

„Da gibt man dem Kind einen kleinen Auftrag, schickt es los und sieht es bis zum Abendessen nicht mehr. Und wenn es nach Hause kommt, stinkt es wie ein Wolf und ist auch noch völlig dreckig.“ Leider ist nicht überliefert, was die Mutter von Rotkäppchen (wer denkt sich solche Rufnamen aus?) gedacht hat, als ihr Kind vom ereignisreichen Ausflug zur Großmutter zurück kehrte. Was bis zu diesem Zeitpunkt geschah? Nun, versuchen wir uns dem anzunähern.

Der wirkliche Name der Protagonistin findet keine Erwähnung. Sie wird lediglich als „süßes Mädchen“ beschrieben, dass jeder lieb hatte. Die Großmutter war so vernarrt in sie, dass sie ihr ständig Geschenke machte, darunter ein rotes Käppchen. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass Kinder ihr Herz gern mal an irgendwelche Gegenstände verlieren können. Und so war es auch bei Rotkäppchen: Sie wollte nichts anderes mehr tragen und deshalb bekam sie diesen albernen Namen.

Der Grund für Rotkäppchens Ausflug in den Wald ist eben jene geliebte Großmutter, die krank darniederliegt und von Rotkäppchens Mutter ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein zur Stärkung erhalten soll. Eine halbe Stunde Fußweg durch den Märchenwelt, nur um ein mickriges Stück Gebäck und ein wenig Alkohol zu überbringen. Vermutlich wäre das Jugendamt durchaus interessiert an diesem Fall. Aber in Märchen werden solche Dinge ja nicht hinterfragt, also gab es noch ein paar gute Ratschläge von der Mutter mit auf den Weg: „Geh hübsch sittsam.“ (Was soll das eigentlich sein?), „Bleib auf dem Weg.“ sowie „Begrüß deine Großmutter ordentlich.“ Und schon war das Kind im Wald.

Im Wald trifft sie auf einen Wolf. Natürlich kann dieser Waldbewohner wie ein Mensch sprechen, alles andere wäre für die Ge.schichte nicht förderlich gewesen. Zudem dürfte er recht groß gewesen sein und eine Eigenschaft besitzen, die vielen Bösewichten zugeschrieben wird: Einen vermeintlich einfachen Plan aushecken, dann aber an der eigenen Blödheit scheitern.

Dieser (ach so einfache) Plan sah wie folgt aus: Rotkäppchen fressen, Großmutter fressen, satt sein. Warum er nicht einfach direkt Rotkäppchen frisst und dann die Großmutter, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Nein, er fragt Rotkäppchen erst einmal ein wenig aus: Was trägst du da mit dir rum? Wo willst du hin? Wo wohnt deine Großmutter?

Übrigens: Woher der Wolf den Namen seines jungen Opfers kennt (er begrüßt sie mit „Schönen Tag, Rotkäppchen.“) bleibt im Laufe des Märchens ungeklärt. Vielleicht kannten sie sich ja schon von einer früheren Begegnung. Oder aber er wollte sie necken, denn schließlich trug sie „nichts anderes mehr“ als das rote Käppchen. Aber wenn ich diesen Gedanken weiterspinne, müsste ich meinen Blog wegen jugendgefährdenden Inhalten schließen. Lassen wir das also.

Der Wolf bringt Rotkäppchen dazu, Blumen zu pflücken, die nicht direkt am Weg wachsen. Damit verstößt sie zwar gegen die Anweisung ihrer Mutter, aber was soll’s. Es zeigt übrigens, dass der Märchenwald (zumindest an dieser Stelle) alles andere als dunkel gewesen sein dürfte. Denn da wo Blumen wachsen, ist in aller Regel auch zumindest ein wenig Sonnenlicht. Der Wolf machte sich parallel dazu auf den Weg zur Großmutter, bekam unterwegs noch größeren Appetit durch den unerklärlicherweise auftretenden Geruch von angebranntem Weihnachtsgebäck und verschluckte die arme, alte, arglose Frau.

Nun folgt wieder eine Stelle, bei der man sich fragen muss, warum der Wolf es so kompliziert macht: Statt einfach hinter der Tür zu warten, bis Rotkäppchen mit Kuchen, Wein und Blumen das Haus betritt, verkleidet er sich als Großmutter und legt sich ins Bett. Rotkäppchen ist beim Betreten des Hauses durch die offenstehende Haustür bereits misstrauisch, spricht noch kurz mit der vermeintlichen Großmutter („Warum hast du so große Ohren?“ etc.) und wird daraufhin ebenfalls verschlungen.

Der Plan des Wolfs war, trotz aller Kompliziertheit in der Durchführung, aufgegangen und das Märchen könnte aus sein. Die Moral wäre wahlweise „Sprich nicht mit fremden Leuten.“, „Hör auf deine Eltern.“ oder aber „Verschließ immer die Haustür.“

Aber nein, es geht noch weiter. Denn der Wolf ist müde (kein Wunder, er hat gerad eine Großmutter und ein kleines Mädchen im Bauch), legt sich wieder hin und schläft ein. Selbst der dümmste Kleinkriminelle weiß, dass man den Tatort sofort verlassen sollte, aber wie bereits oben erwähnt: Der Wolf scheitert an seiner eigenen Dummheit.

So kommt ein Jäger vorbei, der ein lautes Schnarchen aus dem Haus der alten Einsiedlerin hört und sich denkt, er müsse doch mal nach der Dame schauen. Als er den schlafenden Wolf entdeckt, will er sofort die Büchse (ein Gewehr, keine Dosensuppe) anlegen und schießen. Plötzlich bekommt er aber aus heiterem Himmel die Eingebung, dass der Wolf ja die Hausbesitzerin gefressen haben könnte. Warum er dies denkt und warum er nun dem schlafenden Wolf den Bauch aufschlitzt, erklärt uns der Autor nicht. Aber letztlich können so Rotkäppchen und die Großmutter dem Magen-Darm-Trakt des Wolfes entspringen (ja, dieses Verb steht so wirklich im Grimmschen Text) bzw. entsteigen. Einzige nennenswerte Beeinträchtigung ist, dass Rotkäppchens Oma kaum noch atmen kann. Erstaunlich.

Rotkäppchen holte nun noch kurz große Steine, die man dem Wolf in den Bauch legte. Als dieser nun aufwachte und fortspringen wollte, fiel er aufgrund des Gewichts der Steine hin und starb. Das dürfte, trotz aller Widrigkeiten und den hinterhältigen Taten des Wolfes, schon eine recht fragliche Handlung sein, bei welcher der Tierschutz eindeutig vernachlässigt wurde.

Am Ende bleiben ein paar verstörende Bilder: Der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und ging damit nach Hause. (Der „nackige“ Wolf blieb bei der Großmutter im Schlafzimmer liegen?) Die Großmutter erholte sich dank Kuchen und Wein schnell wieder. (Saß die neben der Wolfs-Leiche?) Und Rotkäppchen zieht aus der ganzen Geschichte den Schluss, dass sie nie wieder den Weg verlassen sollte, wenn ihr die Mutter dies vorher verboten hat.

Abschließend bleiben auch ein paar offene Fragen: Was haben Rotkäppchen und die Großmutter eigentlich im Bauch des Wolfs getrieben? Haben die eine Runde Mau-Mau gespielt? Wieso haben die nicht selbst versucht, da irgendwie wieder raus zu kommen? Einfach mal den Körper durchstrecken hätte doch schon zu massiven Verletzungen beim Wolf führen müssen. Und letztlich: War der Jäger vor oder nach dieser Geschichte bei Schneewittchens Stiefmutter beschäftigt?

Veröffentlicht in Steinschlag

Titelbild: © christels / Pixabay.com

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