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Manchmal braucht es Geduld

Vielleicht kennt ihr den Film „Oben“ von Pixar. Er beginnt mit einer wunderbaren, berührenden Szene: Carl und Ellie, zwei Kinder, die sich kennenlernen, sich verlieben, gemeinsam älter werden – mit Träumen, Plänen und Hoffnungen. Sie wollen einmal nach Südamerika reisen, ein Haus neben einem Wasserfall bauen. Sie sparen Geld, sie träumen – und dann kommt das Leben dazwischen. Krankheiten, Reparaturen, Rechnungen. Der Traum bleibt immer „für später“.

Und irgendwann ist es zu spät. Ellie stirbt. Carl bleibt zurück – allein, alt und festgebunden an ein Haus, das voller Erinnerung steckt. Alles in ihm sagt: Veränderung will ich nicht. Mein Leben ist abgeschlossen, ich habe nichts mehr zu erwarten.

Was mich an diesem Film so berührt, ist nicht das Luftschiff-Abenteuer oder der sprechende Hund. Es ist die Szene, in der Carl – nach vielen Verwicklungen und Umwegen – Ellies altes Fotoalbum durchblättert. Er glaubt, dort nur Bilder ihrer unerfüllten Sehnsüchte zu finden. Aber dann blättert er weiter – und sieht: Ellie hat nicht nur vom großen Abenteuer geträumt. Sie hat gelebt. Die alltäglichen Dinge – Picknick im Garten, gemeinsames Lachen, ein ganz normales Leben – das waren für sie erfüllte Momente. Der Sinn war längst da. Das Leben war längst da. Und Carl erkennt: Ich habe es nicht gesehen.

Das ist kein dramatischer Moment. Kein Blitzschlag. Kein großes Pathos. Es ist eine stille, langsame Erkenntnis. Eine, die wächst, weil jemand hinsieht. Offen ist. Oder wieder offen wird.

Simeon begegnet Gott

Im Evangelium zum heutigen „Tag der Darstellung Jesu im Tempel“ begegnen wir Simeon. Simeon ist ein ganz anderer Charakter. Und doch haben Carl und er etwas gemeinsam: Sie stehen am Ende ihres Lebens. Sie blicken zurück. Und sie hoffen auf etwas – auch wenn es unterschiedlich aussieht.

Von Simeon heißt es, dass er ein gerechter und frommer Mann war. Und dass der Heilige Geist ihm zugesagt hatte: Du wirst den Messias sehen, bevor du stirbst. Eine große Verheißung – aber leider ohne Zeitplan. Ohne Gewissheit, wann oder wie das passieren soll.

Jeden Tag sieht Simeon Menschen kommen und gehen. Kinder, Familien, Priester, Händler. Und jedes Mal hat er sich womöglich gefragt: Ist er das? Ist heute der Tag? Oder doch noch nicht?

Das ist keine passive Geduld. Das ist eine geistliche Wachheit. Eine Haltung, die offen bleibt, obwohl nichts passiert. Die nicht abstumpft, die nicht zynisch wird. Sondern vorbereitet bleibt – für den Moment, in dem sich das Unsichtbare zeigt.

Und dann ist es so weit. Ein Paar kommt mit einem Kind in den Tempel – wie es das Gesetz vorschreibt. Ein kleiner Junge. Nichts Außergewöhnliches. Kein Leuchten, keine Engelsstimmen, kein großes Halleluja. Und doch erkennt Simeon: Das ist der Messias! Und er sagt:

Nun, Herr, lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben dein Heil gesehen.

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, / wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen

Lukas 2,29-30 (EÜ)

Was für ein Moment! Kein Feuerwerk, kein Drama. Aber eine Lebenswende. Weil jemand hinschaut. Weil jemand wach bleibt. Weil jemand bereit ist, das Heil zu erkennen, wenn es sich in ganz unscheinbarer Gestalt zeigt.

Veränderungen brauchen Zeit

Und was macht Carl? Der hat nicht gewartet. Nicht im Sinne Simeons. Er hat sich zurückgezogen. Hat sein Herz verschlossen, die Fenster seines Hauses und die Türen seines Lebens dicht gemacht. Aber dann wird er gestört: Von einem kleinen, dicken, durchaus nervtötenden Pfadfinder namens Russell, der einfach nicht weggeht. Von einem sprechenden Hund. Von Turbulenzen, die ihn aus seiner Komfortzone reißen. Und irgendwann – langsam, mit Widerstand – beginnt Carl, sich zu verändern.

Am Ende ist Carl sogar bereit, loszulassen. Das Haus, das er immer verteidigt hat, weil es seine Erinnerungen mit Ellie beherbergt – das er mit tausenden Ballons durch die Lüfte gezogen hat – lässt er einfach los. Es sinkt hinab in eine Schlucht. Und Carl? Er steht da. Frei und leicht und offen.

Es ist ein anderes Bild als bei Simeon. Aber die Richtung ist ähnlich: Die Seele wird frei. Weil sie erkennt, dass Gottesbegegnung nicht nur im Festhalten, sondern auch im Loslassen geschehen kann.

Festhalten und Loslassen

Vielleicht ist das genau die Bewegung, die wir in unserem Leben brauchen. Mal sind wir wie Simeon: wach, hoffend, betend, sehnend – bereit, Gottes Spuren zu erkennen. Und ein anderes Mal sind wir wie Carl: festgefahren, verschlossen, innerlich starr vor lauter Erinnerungen, vor Angst oder Enttäuschung.

Und manchmal, ganz ehrlich, sind wir einfach müde. Vom Warten, vom Hoffen, vom Alltag. Von dem Gefühl: Es passiert nichts mehr.

Aber dann, vielleicht dann, kommt etwas Unerwartetes. Eine Begegnung. Ein Wort. Eine stille Erkenntnis. Oder ein Kind im Tempel. Und wir merken: Da ist es. Nicht spektakulär. Aber echt, tief und heilsam.

Ich glaube, es geht im Glauben oft nicht um große Antworten, schnelle Erfüllungen oder dramatische Wunder. Sondern es geht um die Bereitschaft, wach zu bleiben. Oder wach zu werden. Gottes Nähe zu suchen – nicht mit Lärm, sondern mit Geduld. Mit einem offenen Herzen.

Simeon steht dafür. Carl auch – auf andere Weise. Und beide zeigen: Gotteserfahrungen wachsen langsam.
Sie brauchen Raum, Zeit und Offenheit.
Aber sie kommen.
Manchmal ganz leise.
Manchmal in einem Kind.
Manchmal in einem Bild.
Manchmal im Rückblick. Und manchmal braucht es einfach Geduld, bis wir sagen können:

Meine Augen haben das Heil gesehen.

Lukas 2,30 (EÜ)

Diese Andacht habe ich am 02.02.2026 im Rahmen der Montagsandachten im EKD-Kirchenamt gehalten.


Transparenzhinweis: Der Text auf dieser Seite wurde mit KI-Unterstützung erstellt.

Veröffentlicht in Steinschlag

Bildquellen

  • Luftballons: Ali Kokab auf Unsplash

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